Vita

Geboren am 9. Mai 1960 in Zürich

Ich arbeite in den Bereichen Malerei, Zeichnung und Objekt. Meine künstlerische Praxis entwickle ich seit über fünfzig Jahren autodidaktisch – in anspruchsvoller Wechselwirkung mit Erwerbsarbeit und Familie. Sie entspringt meiner Freude am künstlerischen Tun und meiner anhaltenden Neugier auf Fragen zu Wirklichkeit und Wahrnehmung, Zeit und Raum, Struktur und Offenheit und zum  Verhältnis von Einzelnem und Gefüge. Dabei beschäftige ich mich nebst künstlerischen auch mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Erfahrungs- und Denkräumen.

Ergänzt wurde und wird mein Weg durch Weiterbildungen in Malerei, Zeichnung, Mixed Media und Druckgraphik, durch den Austausch mit anderen Menschen sowie durch das Zeigen meiner Arbeiten in unterschiedlichen Kontexten.

Ich lebe und arbeite in Zürich.

Kontakt: ursula.schwager@mails.ch

Fragmente im Kontinuum

Seit vielen Jahren begleitet und beschäftigt mich das gleiche grosse Thema: Wirklichkeit. Was ist Wirklichkeit? Was unterscheidet Wirklichkeit von Erscheinung? Welchen Einfluss hat meine Wahrnehmung? Und schliesslich:
Was bedeutet das für mich?

Diesen Fragen nähere ich mich (auch) als Künstlerin immer wieder neu. Ich lasse mich lange und aufmerksam auf ein Vorgehen oder Motiv ein. Dabei versuche ich, möglichst unvoreingenommen zu sein. Ich erlebe dies als ein «lauschendes Erkunden» – das fast immer auch von Krisen und Stolperfallen begleitet ist. Es braucht Zeit, Hingabe und grosse Aufmerksamkeit, damit etwas entstehen und sichtbar werden kann, das ich nicht voraussah und mir unbekannt war. Zufall ist es nicht, was so geschieht. Es ist vielmehr ein waches Ertasten und Wahrnehmen des Raumes im Nebel, bis dieser sich plötzlich zu lichten beginnt und etwas Unerwartetes, Wirkliches sich mir zeigt.

Im künstlerischen Tun bewege ich mich zwischen mikro- und makroskopischen Ebenen hin und her. In beiden Richtungen erfahre ich dasselbe: Je genauer ich hinsehe, desto mehr verschwindet die Form und umso dringlicher stellt sich mir die Frage nach der Wahrnehmung. Wo ist mein Standpunkt? Was nehme ich aus meiner Perspektive wahr – und was verbirgt sich mir von da aus? Was passiert, wenn ich meinen eigenen Standpunkt gar nicht kenne?

Für meine Arbeiten wähle ich häufig das Gewöhnliche, Übersehene als Ausgangspunkt – ein Wasserglas, eine zufällig fotografierte Filmszene, ein beliebiges Zeichen. Ich versuche, mich mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln der Wirklichkeit in der Erscheinung anzunähern: durch aufmerksames Hinschauen und absichtsloses Entstehenlassen.

Unvoreingenommenheit ist allerdings ein hoher Anspruch an mein künstlerisches Tun. Ich schaffe mir dazu Hilfsmittel, bei den neueren Arbeiten zum Beispiel minimale Rahmenbedingungen: einfaches Material, ein einziges Zeichen, klare Vorgehensregeln, kein korrigierendes Eingreifen. Sie halten meinen gestalterischen Willen in Schach und verhindern, dass ich mich auf Kosten einer oftmals fremden Wirklichkeit vorschnell von vertrauten oder schönen Erscheinungen verführen lasse. Der klare Rahmen erleichtert es mir, mich in diesem Prozess als aufmerksames Instrument zur Verfügung zu stellen und für das Unerwartete offen zu bleiben. Schmierspuren, Fehler oder eigendynamische Bewegungen sind für mich deshalb keine Störungen, sondern Rauschen im System: Ereignisse, die sich einer Steuerung entziehen.

Die «Zeichenbilder» sind in dieser sehr konzentrierten, minimalistischen Vorgehensweise entstanden: Ich setze ein Zeichen. Dann das nächste. Dazwischen: Leere. Dieser «Zwischenraum» ist nicht «Nichts», sondern der Raum, in dem die einzelnen Teilchen in Beziehung zueinander treten. Aus ihrem wachsenden Zusammenspiel entsteht etwas, das im Einzelnen nicht enthalten war und das ich vorher nicht gekannt habe – ein emergentes Gefüge aus Ereignissen und Zwischenräumen. Die Bilder tragen die Geschichte ihres Entstehens in sich. Im fertigen Werk ist diese oft nicht mehr als zeitliche und räumliche Abfolge lesbar; es erscheint als ein Ganzes ohne erkennbare Richtung.

Meine Bilder und Objekte entstehen in einem für mich herausfordernden Balanceakt zwischen Intention und Offenheit. Ich arbeite oft mit Wiederholung, Überlagerung oder Verwischung – im Ölbild, in der Zeichnung, im Objekt. Mich faszinieren dabei besonders jene flüchtigen Momente, in denen unvermittelt etwas zwischen den gesetzten Strukturen aufscheint, das sich einer eindeutigen Benennung entzieht.

Ich weiss am Anfang nicht, was entstehen wird, sondern schaffe Bedingungen, unter denen sich etwas zeigen kann. Gerade darin liegt für mich das Wagnis und die Bedeutung meiner Arbeit. Die Bilder sind keine fertigen Antworten auf meine Fragen nach der Wirklichkeit. Sie sind der Versuch, ihnen Raum zu geben – und der Ausdruck meines Nichtwissens, was dort zu finden ist.