iE = ∞ / 2
(midway through an endless weave)
Konzeptskizze für eine Rauminstallation, Stand 8.9.26
Vor den Wänden, in mittlerer Höhe, «schweben» weisse, beleuchtete Scheiben. Jede ist ein kleines Universum: Aus der Nähe betrachtet trägt sie ein einziges, vielfach wiederholtes winziges Zeichen (Punkt, Spirale, Tropfen, Pfeil, Reiskorn, Kreis …). Die Zeichen sind von Hand gesetzt, sich ähnlich, aber nie identisch. Durch die Wiederholung verliert das einzelne Zeichen seine vermeintliche Eindeutigkeit. Aus der Distanz verbindet das Auge die Zeichen zu Wellen, Verdichtungen und Bewegungen, die an Vogelschwärme erinnern. Es entsteht ein «Etwas», das im einzelnen Zeichen nicht enthalten ist und sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht.
ELEMENTE / EREIGNISSE
Raum
Kubus, Quader oder Zylinder; fensterlos; Wände, Decke und Boden je einfarbig (z.B. grau oder blau), ev. mit leichter Struktur (z.B. Beton); eher dunkel; wenig, gezielt gesetztes Licht.
Wirkung: Ruhe, Leere, Konzentration. Ein schlichter, klarer und reduzierter Raum als «Handlungsrahmen» der Installation.
Große Kreisscheibe
Ca. ø 1.2m, tiefschwarz, mit feinem, weissen, myzelartigem Netz «bezeichnet», direkt unter der Kugel in der Mitte des Raumes auf dem Boden platziert. Alternativ ev. ganzer Boden.
Wirkung: Vertrautes Fundament, Wurzel; Gewebe aus sich kontinuierlich verzweigenden «Strängen» (Myzel); sichtbar, jedoch nicht zugänglich; nicht absehbares unendliches Wachsen.
Kleine Kreisscheiben
ø 30cm, weiss, mit Bleistift-Zeichen (universell lesbare Grund-Zeichen) «beschrieben», mit ca. 1cm Abstand an der Wand befestigt.
Wirkung: Kleine Universen im Gewebe; Schwarm. Die Kreis-scheiben sind Träger vermeintlich verstehbarer Zeichen. Die Zeichen und die Scheiben stehen im Dialog miteinander und mit allen übrigen Elementen der Installation.
Kugel
Ca. ø 1.5m, tiefschwarz, Mittelpunkt in ca. 2.5m Höhe, im Zentrum des Raumes an weitgehend unsichtbarem Nylonfaden hängend.
Wirkung: Absenz, Lichtabsorption, Verdichtung, Sogwirkung. Unübersehbare und unzugängliche, rätselhafte Präsenz. Je nach Position der Besuchenden verdeckt oder «verschluckt» sie andere Elemente der Installation, hinterlässt ein Nichts.
Klang
Stille, durchsetzt mit leisen ephemeren Tönen; Anklingen von vermeintlich erkennbaren Melodien, die sich sofort wieder auflösen; nicht-linear, raumbildend; meditativ.
Wirkung: Leise Klänge tasten die Stille ab wie Lichtstrahlen einen dunklen Raum. Die Stille unterstützt aktives Lauschen. Das eigene Atmen, der Herzschlag oder Umgebungsgeräusche werden Teil der Erfahrung.
SITUATION
Der Raum ist ruhig, schlicht, fensterlos, eher dunkel und leer. Einzelne leise Töne erklingen, flüchtige Klangfolgen.
Im Zentrum schwebt eine grosse Kugel. Ihre tiefschwarze Farbe verschluckt das Licht. Je nach Blickwinkel verdeckt sie andere Elemente im Raum und erzeugt ein schwarzes Nichts. Darunter am Boden liegt eine grosse, ebenfalls schwarze Scheibe, überzogen von einem dichten Netz aus feinen, weissen, sich verzweigenden Linien.
Besucher:innen
In freier Bewegung im Raum zwischen Kugel und Scheiben; Menschen mit ihren individuellen Perspektiven; Teil des ganzen Gewebes; einzige «farbige» Ereignisse.
Wirkung: Einzelereignisse; kleine Universen im Gewebe; als vermeintlich verstehbare Träger:innen individueller, nicht sichtbarer Geschichten und Perspektiven sind sie Verwandte der kleinen Kreisscheiben. Ihre Bewegung beeinflusst die Wechselwirkungen im Raum.
IDEE
midway through an endless weave, so lautet der Untertitel der Installation. Sie ist als individuelle Erlebenssituation (iE) erfahrbar. Die Besuchenden bewegen sich darin mit je eigener Perspektive und Wahrnehmung als Teil eines Gewebes von Beziehungen. Dieses weist über den konkreten Raum hinaus und lässt sich als unermesslich erahnen:
iE = ∞ / 2
Die Installation öffnet einen Raum, in dem Besuchende sich bewegen oder still sind, manches (er)kennen, einiges erahnen und anderes möglicherweise rätselhaft bleibt oder sich ihrer Wahrnehmung ganz entzieht. Die eigene Wahrnehmung wird so zum Zugang zur Welt. Zugleich werden ihre Grenzen erfahrbar.
Was bei den Zeichen geschieht, geschieht auch im ganzen Raum: Grosse Scheibe, kleine Scheiben, schwarze Kugel, Klang und die Besuchenden selbst bilden gemeinsam ein Gewebe aus Ereignissen und Zwischenräumen. Besuchende sind nicht nur Betrachtende, sondern selbst Teil davon. Wer sich bewegt, verändert die Wahrnehmung des ganzen Feldes, für sich und für andere. Ein Feld von Wechselwirkungen, kein Modell, das erklärt werden will.
Mit der Installation möchte ich einen Raum öffnen, in dem Gewissheit über die eigene, vertraute Wahrnehmung von Wirklichkeit sich lockern darf und stilles Staunen Platz hat. Man kann wahrnehmen, vielleicht erkennen, ohne verstehen zu müssen. In der Wechselwirkung aller Elemente entsteht im Ganzen nochmals «Etwas», das die Wahrnehmung anzieht und packt. Was dieses Etwas ist, weiss ich nicht. Die Installation ist auch das: Ausdruck meines Nichtwissens.